Im April 2018 gab die die Regierung in Nicaragua bekannt, die Renten um 5 Prozent zu kürzen. Ein Aufschrei ging durch die Bevölkerung und es folgten sogleich erste Demonstrationen gegen die geplante Rentenreform. Nachdem Sicherheitskräfte die Demonstrationen gewaltsam niedergeschlagen hatten, weiteten sich die Proteste und Kundgebungen auf das ganze Land aus. Plötzlich richteten sich die Proteste nicht nur gegen die Rentenreform, sondern auch gegen den autoritären Regierungsstil von Präsident Daniel Ortega und seiner Ehefrau, Vizepräsidentin Rosario Murillo. Nach tagelangen blutigen Protesten wurde die geplante Reform zurückgezogen. Doch die aufgestaute Unzufriedenheit in weiten Teilen der Bevölkerung weitete sich aus und es gab immer mehr Tote zu beklagen. Daniel Ortega ist nicht nur Präsident, sondern seit Jahren auch Vorsitzender der Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN), also der Partei, durch die er 2006 einen erneuten Wahlsieg erringen konnte. Rückblende: Nach dem Sturz des nicaraguanischen Diktators Somoza durch die Revolution am 19. Juli 1979 war Daniel Ortega Mitglied der fünfköpfigen Regierungsjunta und wurde 1984 zum ersten Präsidenten gewählt. Die sandinistische Revolution löste eine internationale Solidarität aus. Viele Freiwillige aus der ganzen Welt kamen für Aufbauprojekte nach Nicaragua. Der berühmte Dichter Ernesto Cardenal wurde zum Kulturminister ernannt. Dem kubanischen Bruderland folgend wurde der Anteil der Analphabeten in der Bevölkerung von 50 auf 12 Prozent gesenkt. Ortega schaffte 1990 die Wiederwahl jedoch nicht mehr und verlor auch alle darauf folgenden Wahlen. 2006 wurde er nach innerparteilichen Kämpfen mit 38 Prozent der Stimmen zum zweiten Mal wiedergewählt. Nach einer umstrittenen Verfassungsänderung blieb er auch 2011 und 2016 Präsident. Er wurde international kritisiert und des Wahlbetrugs bezichtigt. Ortega besetzte wichtige Ämter mit nahestehenden Personen. Seine Frau Rosario Murillo wurde 2017 Vizepräsidentin. Ihr mystisch-religiöser Lebensstil geniesst in der Bevölkerung einen zweifelhaften Ruf. So liess sie in der Hauptstadt zahlreiche "Arboles de la Vida" aufstellen. Diese sogenannten riesigen Lebensbäume aus Metall leuchten und flackern in der Nacht. Einer nach dem anderen wurde zu Beginn der Unruhen von Regierungsgegnern zu Fall gebracht. Die First Lady wird von der Opposition als "La Bruja", als Hexe und Magierin bezeichnet. Augenfällig in ihrem Wirken ist zudem die Farbe Rosa. Gebäude, Wahlplakate, ja ganz Managua schmückt sich in rosaroter Pracht. Die Regierung Ortega als Familienclan? Regierungsgegner sehen heute keinen Unterschied mehr zur Diktatur Somoza. Viele glauben, dass sich die Geschichte wiederholen wird und Ortega unter dem Druck der Proteste sein Amt vorzeitig zur Verfügung stellen muss. Die Teilnehmer der neuen Bewegung demonstrieren mit Nationalflaggen und kleiden sich in den Farben Blau und Weiss. Jugendliche und Studenten wehren sich gegen die Angriffe der nationalen Polizei und des Militärs mit selbstgebastelten Waffen und Wurfgeschossen. Auf der anderen Seite gehen die Regierungsanhänger unter der Führung der FSLN auf die Strasse. Plötzlich auftretende Paramilitärs gehen besonders brutal gegen die Demonstranten vor. Ein Symbol des Widerstandes wurde die Kirche la Divina Misericordia. An deren Fassade sind unzählige Einschusslöcher zu sehen, abgefeuert mit scharfer Munition auf in der Kirche verschanzten Studenten. In der Folge forderte sogar der Bruder des Präsidenten, Humberto Ortega, die Entwaffnung der paramilitärischen Gruppen. Dass es solche Gruppen tatsächlich gibt, erfuhr - um nur ein Beispiel zu nennen - auch die Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung, Sandra Weiss. Während sie eine Vorzeigeplantage besuchen wollte, wurde sie von Paramilitärs gefangen gehalten, bedroht und ausgeraubt. Mütter verschwundener Jugendlicher fordern mit Plakaten deren Freilassung. Es braucht Mut, in dieser Zeit mit solchen Plakaten auf die Strasse zu gehen und diese den Regierungsbeamten entgegenzuhalten. Als Lösung schlug die Bischofskonferez vorgezogene Neuwahlen vor. Die Gespräche wurden jedoch abgebrochen, nachdem sich die Regierung gegen die Einladung internationaler Organisationen stellte. Während der Unruhen erteilte die Regierung unabhängigen Fernsehstationen ein Sendeverbot. Am Volkslauf, der am 12. August 2018 stattfand, zeigten viele Teilnehmer Plakate mit den Portraits verschwunder oder getötetenern Personen. Der Pressefotograf Oscar Navarrete portraitierte Angehörige , deren Kinder von Militär, Polizei und Paramilitärs getötet wurden. Beispielsweise die Muter von Brayan, Maria Blandon. Das Bild ihres Sohnes ist auf ihrem Smartphone zu sehen. Die Tante von Abraham Lopez, Emeleida Lopez, zeigt ein Bild ihres Neffen, der von Paramilitärs am 24. Juli 2018 erschossen wurde. Ivania Dolmus zeigt ein Bild ihres Sohnes Pineda, im Messegewand, die Hände zum Gebet gefalten. Auch er wurde von der Polizei und Paramilitärs am 15. Juni 2018 erschossen. Yadira Cordoba zeigt ein Bild ihres am Schlagzeug spielenden Sohnes Orlando. Orlando wurde von Paramilitärs am 30. Mai 2018 erschossen. Navarrete dokumentierte auch das Begräbnis des Studenten Gerald Velasquez, erschossen von Paramilitärs in einem Studentenwohheim. Nachdem die Feierlichkeiten des Schutzheiligen von Managua, Santo Domingo de Guzman, am 9. August 2018 friedlich verlaufen waren, gehen die Proteste weiter. An den grössten Kundgebungen gingen Hunderttausende auf die Strasse. Die Gräben zwischen Opposition und Regierung klaffen immer weiter auseinander und es ist kein Ende in Sicht. Einmal mehr zeigt sich: Die Revolution frisst ihre Kinder. /////////////////////// © Fotos : Oscar Navarrete - Text : Patricio F. Lüthy /////////////////////// Reportageangebot : 14 Fotos mit oder ohne Text - Fotos anschauen /////////////////////// Für ein individuelles Honorarangebot senden Sie ein E-Mail an contact@latinphoto.org /////////////////////// zurück zur Homepage von LATINPHOTO.org